Wer heute über Lieferketten spricht, spricht unweigerlich auch über Geopolitik. Handelsströme, der Zugang zu Rohstoffen und die logistische Infrastruktur werden immer weniger ausschließlich durch Marktmechanismen bestimmt, sondern mehr und mehr durch politische und strategische Entscheidungen.
Diese Beobachtung steht im Mittelpunkt des neuen Jahresberichts des Lieferkettenexperten Alex Van Breedam, der in der Masterclass “From 2025 to 2026: Supply Chains in a World That Refuses to Stabilise” zusammengefasst ist. Die Analyse zeigt, wie die zunehmende Bedeutung der Geopolitik im Zusammenspiel mit anderen Kräften wie Technologie und Klima zu einer strukturellen Volatilität der Lieferketten führt und warum Unternehmen die Widerstandsfähigkeit immer stärker in ihre strategischen und unternehmerischen Entscheidungen einbeziehen müssen.
Die Meisterklasse analysiert die geopolitischen Ereignisse des Jahres 2025 durch die Brille der Lieferkette. Van Breedam identifiziert sieben strukturelle Triebkräfte des Wandels - Wirtschaftswachstum, Geopolitik, Zölle, Klima, Technologie, Arbeitsmärkte und Regulierung -, die sich heute direkt auf Entscheidungen in der Lieferkette auswirken.
Diese Analyse wird in vier entscheidende Dimensionen für Unternehmen übersetzt: Volatilität, Widerstandsfähigkeit, Kosten und logistische Abläufe.
Eine zentrale Beobachtung ist, dass Lieferketten seit 2025 zunehmend explizit als politisches Instrument eingesetzt werden. Einfuhrzölle, Handelsbeschränkungen und strategische Abhängigkeiten treiben nicht nur die Handelsströme an, sondern beeinflussen auch Investitionsentscheidungen, Netzwerkstrukturen und Standortentscheidungen. Der Zugang zu knappen Rohstoffen, Energie und Logistikinfrastrukturen gerät durch geopolitische Spannungen, Militarisierung und sich verschiebende Machtblöcke zunehmend unter Druck.
Diese Entwicklungen führen zu einer fast strukturellen Form der Volatilität in den Lieferketten. Insbesondere die Zölle erwiesen sich im Jahr 2025 als eine wichtige Quelle der Unberechenbarkeit. Die traditionellen Ost-West-Warenströme wurden empfindlich gestört, unter anderem weil China einen erheblichen Teil seiner Ausfuhren in Richtung USA nach Europa umleitete.
Bei mehr als der Hälfte der Unternehmen stiegen die Kosten für die Lieferkette infolgedessen um 10 bis 15 Prozent. In den USA gingen seit der Einführung der neuen Zölle außerdem mehr als 1,2 Millionen Arbeitsplätze in der Lieferkette verloren.
“Lieferketten funktionieren nicht mehr in einem stabilen wirtschaftlichen Umfeld”, so Van Breedam. “Instabilität ist die Regel, nicht die Ausnahme”.”
Seit der Corona-Pandemie folgt eine Störung der anderen in rascher Folge. Van Breedam zufolge reicht es nicht mehr aus, jede Krise einzeln zu bewältigen. Die Unternehmen müssen eine strukturelle Strategie für die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette entwickeln, die von der höchsten Ebene der Unternehmensführung gesteuert wird.
Während sich die Lieferkettenfunktion früher hauptsächlich um Transport und Vertrieb drehte, ist sie heute zu einer Schlüsselfunktion innerhalb des Unternehmens geworden. Denn Entscheidungen über Energie- und Rohstoffbeschaffung, Netzarchitektur, Lagerpolitik und strategische Partnerschaften wirken sich unmittelbar auf Kontinuität und Wettbewerbsfähigkeit aus.
Investitionen werden daher zunehmend unter dem Gesichtspunkt der expliziten ‘Resilienzkosten’ abgewogen: dem Preis, den Unternehmen bereit sind zu zahlen, um Schocks aufzufangen.
Die Aussichten für 2026 bleiben der Analyse zufolge unsicher, insbesondere in Europa. Das Wirtschaftswachstum steht unter Druck und die Volatilität wird eher zu- als abnehmen. Risiken, die sich bereits 2025 manifestiert haben - einschließlich Geopolitik und Klima - bestehen unvermindert fort.
Van Breedam formuliert neun Empfehlungen, um Unternehmen besser gegen die zunehmende Volatilität und Unvorhersehbarkeit zu wappnen. Im Kern geht es um eine Verlagerung hin zu mehr Widerstandsfähigkeit und schnelleren, intelligenteren Entscheidungen. In einem strukturell schwierigen Umfeld können leistungsstarke Unternehmen schneller einen Wettbewerbsvorteil aufbauen, während andere Gefahr laufen, ins Hintertreffen zu geraten oder sogar ganz zu verschwinden.
Der Meisterkurs besteht aus einer Videopräsentation, ein Podcast und ein umfassender schriftlicher Bericht und ist frei zugänglich über: https://iscn.academy/from-2025-to-2026/